Soziale Skulptur   Qlt, 5. April 2018, Qlt Redaktion
Interview mit Dominik Böhringer im Atelier „Kunst für den Menschen“

Seit 2008 ist der freischaffende Künstler Dominik Böhringer in Konstanz, die Liebe führte ihn hierher an den Bodensee. Er belebt die Konstanzer Künstlerszene mit seinem Atelier in der Wiesenstrasse 10A in Konstanz, das inzwischen zu einem Treffpunkt der alternativen Kunst- und Kulturszene geworden ist sowie der „neopolitischen“ Gruppierung zur Gemeinwohlökonomie, die sich jeden ersten Dienstag im Monat in offener Runde dort trifft. Inspiriert von der Fluxusbewegung und durch seinen Aktionismus in der Kölner Künstlergruppe „L‘art pour l‘homme“ bietet Dominik Böhringer in seinem Atelier einen Raum zur konstruktiven Auseinandersetzung, um die Verbindung von Kunst und Spiritualität oder Kunst und Gemeinwesen zu erforschen. Menschen aller Klassen und Schichten finden sich inzwischen bei ihm ein und führen einen regen Austausch zu diesen kunstsoziologischen Themenkomplexen. Durch Kunstprojekte im öffentlichen Raum in Zusammenarbeit mit der Konzilstadt Konstanz setzte er das Thema bereits performativ um. QLT sprach im Atelier mit Dominik Böhringer …

QLT: Wie kamst du auf die Idee dein Atelier zu gründen? War es nur für dich als Künstler gedacht oder verfolgtest du von Anfang an eine größere Vision?

D.B.: Über die Kunst begegne ich Menschen. Ich war bereits in Köln und durch unsere internationale lose Künstlergruppe „L‘art pour l‘homme“ mit vielen Künstlern im Gespräch u.a. mit Mary Bauermeister, eine der bekanntesten Frauen aus der Fluxusbewegung und Frau des Komponisten Karlheinz Stockhausen. Wir wollten den Begriff des l‘art pour l‘art spiegeln und dachten die Kunst ist nun wieder an der Zeit sich aus ihrer reinen Selbstbezüglichkeit heraus neu zu verbinden. Die Kunst hatte sich ja von allem Gegenständlichen, allen gesellschaftlichen Normen gelöst, über Dada das Wort aufgestückelt und jegliche Tabus gebrochen – gleich einer langen Pubertät, wo man die Regeln auf den Kopf stellt. Wir dachten jetzt ist die Kunst wieder bereit sich zu binden und haben daraufhin Kunst für den Menschen daraus gemacht: l‘art pour l‘homme. Bei der Kunst geht es mir nicht nur um ein Bild an der Wand, sondern es geht mir immer auch um den Menschen. Durch meine Aktionen im öffentlichen Raum und persönliche Kontakte ist der Treffpunkt zum Selbstläufer geworden bzw. das Atelier zur Begegnungszone und zum runden Tisch für Gespräche.

QLT: Du hast den Begriff der Sozialen Skulptur von Joseph Beuys aufgegriffen bzw. führst ihn weiter – er legte mit seiner Philosophie praktisch den Grundstein für das „l‘art pour l‘homme“ – gibt es ein Endziel oder Ideal dieser Bewegung?

D.B.: Wir haben unser l‘art pour l‘homme unabhängig von Beuys entwickelt. Ich habe es naiv aus mir selber heraus entworfen. Einiges ist deckungsgleich, aber Beuys war eine andere Zeit – eine Zeit der Provokation. Ich bin auch politisch, nutze aber nicht den Kunstmarkt oder polemisiere. Ich integriere die Kunst in den Alltag. Ich sehe Kunst als Gestaltung – jeder Mensch ist immer auch ein Teil des großen und lebendigen Kunstwerkes Leben. Ich bin immer gestaltend und insofern auch immer Künstler. Ich möchte auch diesen elitären Altar der Kunstwelt auf den Boden zurück holen, denn wenn wir bewusst sind, dass wir in jedem Moment gestaltend tätig sind, erkennen wir auch unsere Position. Wir sind nicht nur Opfer, sondern wir sind Täter und Handelnde in jedem Moment. Jeder Gedanke gestaltet mit und beeinflusst mein Gegenüber in seiner Haltung usw. – das ist eine berührende Erkenntnis für mich, die mich auch persönlich verändert hat.

QLT: In welchem Zusammenhang steht die Gemeinwohlökonomie mit der Sozialen Skulptur?

D.B.: Die Gemeinwohlökonomie ist ein ganzheitliches Konzept, das viele Lebensbereiche integriert, jedoch ideologiefrei das Ziel verfolgt, dass jeder als Teil der Gesellschaft das Gemeinwohl anstrebt; Dass ich als Mensch souverän bin und wir als Gemeinschaft souverän sind und wir alle dem Gemeinwohl dienen auch die Wirtschaft und die Politik. Die Gemeinwohlökonomie ist etwas ganz menschlich Pragmatisches und auf keiner ideologischen Ebene anzusiedeln. Die Gruppe hier in Konstanz ist von kleinen Unternehmern gegründet worden. Ich als Künstler bin dazu gestoßen und wollte die Gruppe aus meiner Position heraus erweitern und bereichern. Dort habe ich Gesprächskultur gelernt, bei der man offen im Kreis sitzt mit der Bereitschaft sich auch durch den anderen zu verändern in einer wertschätzenden und nicht konfrontativen Art. Denn nicht nur die Würde des Menschen sollte unantastbar sein, sondern auch das Wohl des Menschen. Die GWÖ ist inzwischen eine weltweite Bewegung – jeder ist herzlich eingeladen an unseren Gesprächsrunden teilzunehmen und in den offenen Austausch zu treten.

Weitere Infos unter d.e.boehringer@gmail.com www.dominikboehringer.de

Das Interview führte Jasmin Hummel