Zum Werk von Dominik Böhringer

Böhringer bezeichnet seine Arbeiten als runde Bilder, oder als Kreise.Es sind halbplastische Objekte, die in einem zeitaufwendigen Formungsverfahren aus Papier in Verbindung mit Leim, Pigmenten und Materialien wie Eisenstaub, Erde, Sand etc. entstehen.Bei diesem Prozess spielt die Gestaltungstätigkeit des Materials eine wesentliche konzeptuelle Rolle: während der Zeitdauer des Trocknens (oft über Monate) reagieren die verschiedenen in eine Gipsform geschichteten Materialien miteinander und führen die zunächst von Böhringer angelegten Gestaltungen in kaum vorhersehbarer Weise weiter.In einem weiteren Schritt bearbeitet der Künstler diese organische Schöpfung nur zum Teil weiter – häufig jedoch braucht er nichts weiter zu tun, als zu erkennen, daß die selbständige Gestaltung durch das Material bereits vollendet ist.Böhringer nennt diesen Vorgang das Lassen: der Künstler nimmt sich zurück und läßt entstehen, er wird lediglich zum Katalysator der Wirksamkeiten und Potentiale, die im Material liegen und die Schönheit erzeugen.Dieses Lassen, das nicht mit Untätigkeit verwechselt werden darf, ist deutlich verwandt mit buddhistischer Geistigkeit, obwohl sich Böhringer spirituell im  Abendland beheimatet weiß.Der Aspekt der Mehrdeutigkeit kommt bei diesem Entstehungsprozess zum Tragen, indem die eindeutige gestalterische Vorgabe, die Böhringer zu Beginn macht, durch das Material verwandelt und ins Vieldeutige hinein modifiziert wird.Die dabei entstehenden Inhalte und Formen sind ebenfalls mehrdeutig: sie bedeuten nichts und verweisen zugleich auf vieles.In manchen Kreisen verwendet Böhringer zeichenhafte Formen wie Kreuze, Linien, Rechtecke oder archaische Figurenzeichnungen – auch der Kreis selbst ist ja ein Zeichen.Diese Zeichen deuten auf archaische Urformen und deren Kraft; ihre Verwendungen  in seinen Arbeiten stammt aus Böhringers Auseinandersetzung mit vielen ursprünglichen Kulturen.

Dominik Böhringer präsentiert seine Kreise in einer Weise, die exemplarisch für sein Anliegen ist: er hängt sie mit Abstand von der Wand entfernt schwebend in den Raum, so daß sie sich in einem räumlichen Dazwischen befinden und bereits in der Präsentation auf die Dimension eines Zwischen-Reiches verweisen.So spielt der Begriff des Dazwischen, des Zwischenraumes eine zentrale Rolle. Der Zwischenraum ist der diffuse Bereich des Nicht mehr und des Noch nicht, der Raum des Mehrdeutigen, Vielschichtigen, Unwägbaren, aus dem heraus Neues geboren wird, das Reich des Seelischen, des Unbewussten, des Assoziativen und des nur Ahnbaren.Mit der Arbeit in diesem Bereich geschieht die Berührung mit der Dimension des Transzendenten, Überpersönlichen und die künstlerische Aussage weitet sich in diese Dimension des Immateriellen hinein.Böhringer wagt in der Betonung des Zwischenreiches den impliziten Hinweis auf diese Dimension, die letztlich die Quelle seiner Arbeit ist.In diesem Bereich des Nicht mehr und Noch nicht finden ständige Veränderungen statt. Entsprechend arbeitet Böhringer prozessorientiert, er bezeichnet seine Arbeit als Experimente in den Raum des Ungewissen hinein.Die Bilder erhalten dadurch Objektcharakter und wirken in und mit dem sie umgebenden Raum; es ergibt sich eine intensive Korrespondenz zwischen Werk und Raum, eine Zwischen-Wirksamkeit.Böhringers Kreise oder Runde Bilder strahlen in ihrer organischen Materialität, ihrer absichtsfernen, mehrdeutigen Gestaltung und ihrer formalen Stille eine Kraft aus, die Momente des Verweilens ermöglicht und in der die Präsenz des Transzendenten wahrnehmbar werden kann.

Antje Hovermann 2001