Dominik Böhringer

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Von der Darstellung zur Suggestion

»Die Maske…ein Zeichen für den Zusammenhang der Urform mit der Magie…,« (1) regte viele bildende Künstler, unter anderen Picasso, Miro, Ball oder Kandinsky, zu Malerei und Skulptur an. Seltener ist es, daß ein Schauspieler durch die Maskenherstellung veranlaßt wurde« sich der Welt der bildenden Kunst zu nähern. Die Maske bleibt meistens Mittel zum Zweck. Sie wird hergestellt, um auf der Bühne zum Leben erweckt zu werden. Bei Dominik Böhringer, der sich seit 1980 mit Masken beschäftigt, war es am Anfang nicht anders. Seine Masken entstanden nach den Prinzipien der Theatermasken und hatten auch deren Eigenschaften.

Durch die Vereinfachung sämtlicher Gesichtszüge und durch die Konzentration auf das Wesentliche, bei Verwendung mehr oder weniger realistischer Elemente schon während der Modellierung, wurden die Masken im Theater zum Darsteller eines Ausdrucks oder eines Typus bestimmt. Diese Art von Reduktion ist im Theater darum gerechtfertigt, weil sich dort das gesamte künstlerische Ereignis mit anderen Mitteln wie Bewegung, Sprache, Inszenierung ergänzen muß. Dadurch müssen sich die visuellen Erscheinungen auf direkte Erkennbarkeit und Eindeutigkeit beschränken.

Im Medium der bildenden Künste spielt sich eine ganz andere Reduktion ab: die, die nicht auf Eindeutigkeit, sondern auf Vielfältigkeit, nicht auf unmittelbare Erkennbarkeit, sondern auf Andeutungen gerichtet ist. Genau das ist der Grund, warum man in den jetzigen Arbeiten von Dominik Böhringer nicht mehr die ursprüngliche Maske findet, sie aber noch immer ahnen kann. Darum sind sie auch keine Theaterrequisiten, sondern Kunstobjekte, Es gibt keine fein polierten Flachen mehr, aus denen sich eine Nase. Augen oder Mund herausheben oder deutlich aufgezeichnet sind, um Leid, Aggression, Traurigkeit oder Trotz zu erkennen befehlen. Sie symbolisieren jene Lebenskraft, die das Menschenwesen schon immer auszudrücken suchte.

Was trennt die Masken von den Objekten, was trennt Dominik Böhringer, den Schauspieler von Dominik Böhringer, dem bildenden Künstler?

Er baut keine Masken mehr, obwohl er weiterhin eine ähnliche Herstellungstechnik ausübt: statt wie früher bei seinen Masken das Positiv von der inneren Seite beliebig mit Papierstücken zu bekleben, da es später ohnehin von außen weiß übermalt wurde, benutzt er heute Papier mit dem Bewusstsein eines Malers: Collageartig klebt er meistens zwei verschiedene Papierstrukturen, die die Farbfunktion übernehmen, so ineinander, daß man auf der positiven Seite des Objektes zwei fließende Spuren und punktähnliche Elemente sehen kann.

So lässt er ein Bild von der Rückseite und ein Objekt von innen heraus entstehen; das heißt durch die Methode des den Zufall bewusst herausfordern, anstatt den Zufall durch den Mal- oder Bauprozess zu korrigieren oder zu verhindern. Verringert hat Dominik Böhringer nur seine Mittel, um desto mehr das Ereignis zur freien Vorstellungsmöglichkeit zu schaffen. Die großen, kreisförmigen, zur Mitte leicht gewölbten Objekte lassen kein Gesicht mehr hinter sich verbergen, was gewöhnlich Funktion der Maske ist. Sie verstecken weder eine Person hinter sich noch stellen sie einen bestimmten Charakter dar. Sie sind durch die oben erwähnte Reduktion in eine selbständige Aussage umgesetzt worden.

Diese Umwandlung der Maske verlangt nach einer weiteren Transformation, sie benötigt einen anderen Raum als die Theaterbühne. Aus Dominik Böhringer, dem Schauspieler, wird in diesem Fall ein Aktions-Initiator, der seine Objekte mit verschiedenen Handlungsformen umgibt (structure of behavior). Er lässt aus im Raum aufgehängten Behältern Wassertropfen in verschiedene Klangkörper fallen, wobei er die Rhythmen des Tropfgeräusches variiert. Die Stille des Raumes wird durch den rhythmisierenden Klang der Tropfen gemessen und mit Gesang, Bewegung oder Musik verdichtet. Die unterschiedlichen Sinneserweckungen bilden gemeinsam eine konzentrierte Fülle, die sich um die Objekte ausbreitet. Statt einer Bühne entsteht mit diesen Aktionen für alle Anwesenden eine stimmungsgezielte Ortsstruktur von Zusammenerlebnissen, Der Raum bleibt nicht mehr nur optisch wahrnehmbar, obwohl die Objekte, d.h. die visuellen Elemente, als Hauptträger der Raumbestimmung fungieren. Sie verweisen auf keine konkrete Stelle mehr - sie suggerieren einen Handlungsraum von jenen Erfahrungsformen, die auf das Ursprüngliche zurückgreifen. 

So wie »die Masken ein Zeichen für den Zusammenhang der Urform mit der Magie« waren, so hat sie Dominik Böhringer in seinen Objekten und Aktionen zu einem eigenen Zeichen gemacht, zu einem Zeichen, das auf die Suche nach der rituellen Urform der Kunst selbst hindeutet.

Prof. Dr. Blazenka Perica

(1) S. Melching. Theater der Tragödie. Munich 1974